Samstag, 8. September 2018

#indieseptember Tag 8: "Geh nicht in den Winterwald" von Clint Krause

Horror, Grusel, Grauen steht auf dem Plan der zweiten #indieseptember-Woche. Den Auftakt macht ein Spiel, dass ich nicht nur gelesen, sondern auch tatsächlich einmal gespielt habe (zusammen mit @w6vsw12 und @ThorstenPanknin). Thorsten war so freundlich, einen Spielbericht dazu zu veröffentlichen, der es mir glücklicherweise abnimmt, sehr viel über Geh nicht in den Winterwald (im Original: Don't Walk in Winter Wood) schreiben zu müssen (ich segne Dich dafür, mein Sohn - ratet mal, welches meine Figur war... 😁). Außerdem hat das Erzählspiel Zine einen ausführlichen Bericht in Ausgabe #001 veröffentlicht, ich kann mich also kurz halten.


Das Spiel wurde 2011 auf Kickstarter finanziert und 2017 von System Matters in ihrer "Kleinen Reihe" in der dt.-sprachigen Übersetzung von Adrian Lauer veröffentlicht (übrigens, wie gewohnt in einer sehr schönen Ausgabe, A5-querformatig und in atemberaubend schöner Gestaltung, welche die US-amerikanische Originalversion weit hinter sich lässt: Respekt!). Dadurch bin ich überhaupt erst auf das kleine aber feine Spiel aufmerksam geworden, das System Matters im Mai 2017 in ihrem Podcast bewarb. Es ist ein richtig gelungenes Lagerfeuerspiel, das so un-rollenspielig ist, dass man es auch mit jeder Gruppe spielen kann, die sonst nur für Werwolf oder Charade zu begeistern ist. Denn außer einem W6 und ein paar Spielsteinen ("Kältemarkern") benötigt man im Grunde nichts weiter.

Standardmäßig spielt das Spiel an der US-amerikanischen Ostküste, in einem kleinen Dorf nahe des titelgebenden Winterwaldes. Es ist aber natürlich recht einfach machbar, den Winterwald im Schwarzwald zu lokalisieren, im Taunus, den hügeligen Wäldern des Bergischen Landes oder den trockenen und flachen Wäldern Brandenburgs. Und wenn auch der Titel des Spiels verlangt, nicht in den Winterwald zu gehen, ist es natürlich klar, dass das Abenteuer damit beginnt, dass die SCs in den Winterwald gehen wollen oder müssen. Tja, dumm gelaufen! Denn der Winterwald ist voller Gefahren und die Angst und Kälte des Waldes ergreift nach und nach Besitz von den SCs, bis diese ihr grausiges Schicksal ereilt.

Der Spielmechanismus ist denkbar einfach: Beim Betreten des Winterwaldes erhält jeder SC einen Kältemarker. Widerfährt einem SC etwas Unheimliches oder Grauenerregendes, gibt es einen weiteren Kältemarker. Wird bei einer Aktion eine Ja/Nein-Frage ausgelöst, würfelt sie*er einen W6. Ist das Ergebnis höher als die aktuelle Anzahl der Kältemarker ist die Antwort "Ja" (was immer gut ist), andernfalls "Nein" (nie so gut). Wer also wissen möchte, ob da etwas in dem aufgewühlten Grab liegt und hineinschaut, würfelt. Bei "Ja" könnte die Antwort lauten: "Eine Leiche, möge ihre Seele in Frieden ruhen!" Bei "Nein" hingegen: "Nein, das Grab war leer. Was immer darin lag, war ihm entstiegen. Die Spuren am Rand des Grabes zeigten es deutlich. Plötzlich zerriss ein lautes Heulen direkt hinter dem Reverend die Stille der Nacht und die schlürfenden Schritte eines lebenden Leichnams waren deutlich zu vernehmen." Hat ein SC sechs solcher Marker angesammelt... oh, fragt mich besser nicht, was dann geschieht, zu grausig ist's davon zu erzählen!

Der narrative Clou an diesem kleinen Spiel ist, dass SCs und SL nicht wie gewohnt im Präsens erzählen ("Ich gehe an das Grab und schaue hinein"), sondern in der Vergangenheitsform und zudem in der dritten Person ("Reverend Farebrother schritt ängstlich an den Rand des Grabes. Er beugte sich hinüber, das Kreuz fest umklammert, und blickte in die nachtschwarze Tiefe. Eiskalt lief es ihm den Rücken hinunter, als er bemerkte, dass das Grab leer war."). Das ist mehr als nur ein netter Trick: Es trägt zur Lagerfeuergeschichtenatmosphäre bei. Man verwendet automatisch mehr Adjektive als man es in der Regel sonst am Spieltisch macht, man beschreibt vielleicht auch häufiger Gefühle und Gedanken, statt nur Handlungen, es wird insgesamt also etwas "literarischer".


In unserer Runde hat das gut funktioniert. Das Regelsystem ist einfach, aber erfordert letztlich eine*n verantwortungsvolle*n und fähigen SL, die*der das richtige Pacing kennt und auf sinnvolle und faire Weise die Zahl der Kältemarker anwachsen lässt. Wachsen sie zu schnell an, scheiden die SCs zu früh aus dem Leben oder verfallen dem Wahnsinn. Zu langsam hingegen mag die spannende Atmosphäre über Gebühr strapazieren. Unsere Runde spielte ca. zweieinhalb Stunden, was eine gute Länge ist, viel mehr sollte es nicht sein. Ein gutes Zwischendurchspiel mit viel erzählerischer Freiheit und ohne Regelbalast. Empfehlenswert gerade auch für Nicht-Rollenspieler*innen. Den Erzählmechanismus (3. Person + Vergangenheitsform) kann man sicherlich auch sehr gut in andere Rollenspiele integrieren, es ist ein einfacher Kniff mit einem verblüffenden Effekt!

Es ist inzwischen bei System Matters auch der erste Erweiterungsband erschienen: Grausige Festtage. Dieser stellt eine Szenariosammlung dar, die sich thematisch um bestimmte Feier- und Festtage dreht: ein Valentinstagsszenario, ein Osterszenario, ein Szenario zum amerikanischen Unabhängigkeitstag, sowie Weihnachten und Thanksgiving (ja, richtig gelesen: Halloween ist nicht dabei). Diese fünf Szenarien stammen aus der Feder deutschsprachiger Autor*innen: Verena Busch, Stefan Droste, Daniel Neugebauer, Kaid Ramdani und Ralf Sandfuchs.

Hier noch mal eine Auflistung aller relevanten Links:

Ein sehr schönes Actual Play von INVICTUS Stream



Halloween-Oneshot, Actual Play von True Mask Games

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